Ziele zu setzen und diese auch zu erreichen, bilden die Grundlage moderner
Managementprinzipien. Leider zu häufig werden die angestrebten Ziele jedoch nicht
erreicht. Die Ursachen lassen sich auf zwei Ebenen zurückführen, die einen kausalen
Zusammenhang aufweisen: das Umfeld eines Unternehmens (die gewachsene Unternehmenskultur)
und die in diesem Umfeld praktizierten Massnahmen zur Erreichung der angestrebten Ziele.
Bietet die Unternehmenskultur keine geeigneten Voraussetzungen, vermischen sich Aufgabe
und Massnahmen und das Zieldenken wird nur vermeintlich praktiziert. (Abb.1.) Obwohl
Teilziele erreicht werden können, entstehen an anderen Stellen offene oder verdeckte
Defizite und Nachteile. Deren Beseitigung erfordert wieder neue Massnahmen und es beginnt
die Suche nach den Verantwortlichen. Diese Fokussierung auf das Massnahmendenken
verhindert das Erreichen langfristiger Unternehmensziele.
Am deutlichsten werden die Unterschiede zwischen Ziel- und Massnahmendenken, wenn man
eine hierarchisch orientierte Unternehmenskultur (horizontale Organisation) oder eine
konsequent nach dem MBO (Management by Objectives - vertikale
Organisation) ausgerichtete Unternehmenskultur betrachtet. Bei einer Matrixorganisation
hängt die Frage, ob Zieldenken oder Massnahmendenken vorherrscht, weitgehend von der
Dominanz der hierarchischen Einflüsse auf die Unternehmenskultur ab.
Tatsache ist, dass in der heutigen Zeit des gesellschaftlichen Wandels hierarchisch
dominierte Strukturen wenig geeignet sind, angestrebte Ziele auch tatsächlich zu
erreichen. Die Vorgabe von Zielen beschränkt sich auf Direktiven und Massnahmen, die in
Teilbereichen durchaus erfolgreich sein können. Solange diese Ziele allerdings ohne
ganzheitliche Berücksichtigung langfristiger Unternehmensziele angestrebt werden, liegt
Massnahmendenken vor.
Ein typisches Beispiel in diesem Zusammenhang ist die "Restrukturierung".
Nach Abbau des Personals und Änderung der Organisation stimmen die Zahlen, das
Unternehmen ist scheinbar wieder gesund. Aber wie krank ist das Unternehmen nach 5 Jahren?
Durch den Abbau des Wissens (Brain Drain) und der Ressourcen werden die verbleibenden
Mitarbeiter zusätzlich belastet und langfristig wird die Wettbewerbsfähigkeit des
Unternehmens reduziert (1).
Fazit: Kurzfristiges Ziel durch Entlassungen (Massnahme) erreicht, langfristiges
Unternehmensziel verfehlt, ein klarer Fall von Massnahmendenken. Das gleiche Problem zeigt
sich, wenn Zielsetzungen per Direktive oder eine geschicktere Form der Kommunikation an
die Mitarbeiter weitergegeben werden. Die definierten Ziele verkommen zu einem den
Mitarbeitern verordneten Glaubensbekenntnis des Managements. Ergebnis: kaum Identifikation
mit den Massnahmen, es ist sehr wahrscheinlich, dass die Ziele nicht oder nur teilweise
erreicht werden.
Zielorientiertes Management und gleichzeitiges Erreichen der Ziele ist also keine Frage
der Massnahmen und Methoden, sondern der Firmenkultur. Zieldenken im Sinne des MBO ist nur
in Unternehmenskulturen möglich, die Abteilungen und Mitarbeiter in den Prozess der
Unternehmenszielsetzungen voll einbeziehen.
Abb. 2 verdeutlicht diesen Prozess. Das Management (und/oder eine Abteilung) definiert
realistische und machbare Ziele. Die Verifikation erfolgt durch die Verantwortlichen bzw.
die Mitarbeiter. Notwendige und mögliche Massnamen werden von ihnen evaluiert und auf die
Zielsetzungen abgestimmt. Dieser Regelprozess setzt ein hohes Mass an interner
Kommunikationsfähigkeit und -bereitschaft voraus. 
Die Massnahme ist hier nicht Bestandteil der Aufgabe, sondern das vereinbarte Mittel,
um die Ziele zu erreichen. In diesem Fall liegt konsequentes Zieldenken vor.
Auf dieser Grundlage von konsequent praktiziertem MBO entwickelten die Mitarbeiter
eines grossen amerikanischen Elektronikkonzerns in einem Zeitraum von nur 2 1/2 Jahren den
ersten technisch - mathematischen Taschenrechner einschliesslich der Fähigkeit, diesen in
grossen Stückzahlen kostengünstig zu produzieren. Das Vorgängermodell, ein
Tischrechner, war ca. drei Jahre früher ebenfalls als Sensation auf den Markt gekommen.
Es hatte jedoch noch die Abmessungen einer elektrischen Schreibmaschine mit einem
Bildschirmaufsatz.
Ein weiteres Beispiel im gleichen Unternehmen zeigt, dass auch ambitionöse Ziele
erreichbar sind, wenn Zieldenken konsequent durch die Mitarbeiter getragen wird.
Zielvorgabe des obersten Managements war die Halbierung !!! der Entwicklungszeiten.
Realisierbarkeit, die erforderlichen Massnahmen und einen realistischen Zeitrahmen legten
die weltweit tätigen Entwicklungsverantwortlichen fest. Investive und umfangreiche
Rahmenbedingungen wurden durch das oberste Management abgesegnet und parallel dazu
implementiert. In nur 5 Jahren war das Ziel erreicht und teilweise sogar überschritten.
Ursachen- und Symptombekämpfung
Wie aufgezeigt, liegen Ziel- und Massnahmendenken sehr dicht beieinander. Die
prinzipiellen Unterschiede sind tief in unserer gesellschaftlichen Entwicklung verwurzelt.
Treten irgendwo Probleme auf, sind möglichst schnelle und effiziente Lösungen gefordert.
Dieser Ansatz wird erst seit einigen Jahren durch verschiedene Wissenschaften hinterfragt.
Vernetztes Denken ist angesagt, es gilt, wahre Ursachen zu ergründen, da allzu häufig
schnelle Lösungen neue Probleme verursachten, die wiederum gelöst werden müssen.
Mit diesem Paradigma lässt sich die Analogie zwischen Massnahmendenken und
Symptombekämpfung einerseits bzw. Zieldenken und Ursachenbekämpfung andererseits
herstellen. Beispielsweise können sinkende Verkaufszahlen in einem Unternehmen sowohl
durch Zieldenken, wie auch durch Massnahmendenken bekämpft werden. Beim Massnahmendenken
werden lediglich erfolgsversprechende Massnahmen getroffen, beim Zieldenken analysiert man
zunächst schonungslos die möglichen Ursachen, erst dann werden geeignete und
erfolgsversprechende Massnahmen eingeleitet.
Diese Aussage scheint profan, aber sie deckt sich mit den Gegebenheiten in vielen
Unternehmen. Im schlimmsten Fall ist die Ursachenforschung sogar verpönt, da schnelle
Lösungen gefordert sind. Für unser Beispiel mit der Aufgabe, die Verkaufszahlen zu
verbessern, steht eine umfangreiche Massnahmen-Palette zur Verfügung: Änderung der
Verkaufsorganisation, verstärkte Werbung, Training und Schulung der Verkäufer,
Verbesserung der Logistik, Reduzierung der Produktionskosten, Erhöhung der
Produktqualität usw. usw.
Das Unternehmen ist mit der erfolgreichen Implementierung dieser Massnahmen
(Symptombekämpfung) in der folgenden Zeit zunächst einmal mit sich selbst beschäftigt.
Nach 1 bis 2 Jahren stellt sich eine marginale Verbesserung ein, die ursprünglichen Ziele
wurden jedoch verfehlt (und die Suche nach den Schuldigen beginnt). Verkauf/Marketing
finden dank Training und Schulung verbessertem Marktverständnis heraus, dass die
eigentliche Ursache in der verfehlten Produktpolitik des Unternehmens liegt.
Festhalten an einmal etablierten technischen Dogmen der Produkteigenschaften, fehlende
Ergänzung der Produktpalette in einem sich verändernden Markt, grundsätzliche
Modernisierung des Systemkonzepts (make or buy) sind nachvollziehbare Informationen und
die eigentliche Ursache für den Rückgang der Verkaufszahlen. Aber wer interessiert sich
dafür und wie sagt man es dem Management?
Lassen wir den Ausgang für dieses Beispiels offen. Eine fiktive Konstruktion? Leider
nein, aber durch den in Bild 2 aufgezeigten Regelungsprozess des Zieldenkens wären dem
Unternehmen die unerfeulichen Konsequenzen (Kauf durch einen Wettbewerber aus dem Ausland)
erspart geblieben.
Zieldenken und angepasste Unternehmenskultur
Es wäre zu einfach, Massnahmendenken ausschliesslich in hierarchisch geprägten
Organisationsstrukturen zu suchen. Auch in Matrixorganisationen, in denen vermeintlich MBO
praktiziert wird, finden sich häufig gewachsene Merkmale der Unternehmenskultur, die ein
konsequentes Zieldenken verhindern. Unternehmen, deren Kulturen durch die Dominanz von
Entwicklungsabteilungen oder Produktionsabteilungen geprägt sind, sind zwei typische
Beispiele.
Zielsetzungen werden hier weitgehend vom Denken in den Dimensionen der
Entwicklungsingenieure oder der Produktionsverantwortlichen geprägt. In diesen
Unternehmenskulturen das Zieldenken beispielsweise in Richtung Markt, marktgerechte
Produkte und Kunden erfolgreich umzusetzen, ist ausserordentlich problematisch. Dies
erklärt auch, warum in Unternehmen dieser Prägung trotz entsprechender Zielsetzungen
häufig am Markt vorbeientwickelt wird (2).
Einen allgemein gültigen Kriterienkatalog für einen Wechsel zum Zieldenken in
verschiedenen Unternehmenskulturen gibt es jedoch nicht. Dazu sind die Stärken und
Defizite in den Unternehmen zu variabel. Auch existieren neben den erwähnten Beispielen
für die Prägung des Massnahmendenkens (Entwicklung / Produktion) noch weitere Dominanzen
oder auch Mischformen. Patriarchalisches Hierarchiedenken und Buchhalter-/Kostendenken
sind weitere Varianten.
Welche Voraussetzungen müssen aber letztlich geschaffen werden, um unabhängig von der
jeweiligen Firmenkultur den Wechsel vom Massnahmendenken zum Zieldenken (MBO) zu
schaffen? Denn dieser Wechsel lässt sich nicht verordnen, vielmehr müssen interne
Prozesse ausgelöst werden, die vom Management viel Geduld und Durchsetzungsvermögen
erfordern. Es geht nämlich darum, das Denken und damit das Handeln aller Mitarbeiter zu
beeinflussen und sukzessive die eingefahrenen Denkprozesse in eine andere Richtung zu
lenken. Organisatorische Massnahmen, das Vorgehen in kleinen Schritten und ein
realistischer Zeitrahmen sind unabdingbare Voraussetzungen für die erfolgreiche
Veränderung.

Das wichtigste ist dabei (wie erwähnt), ein neues Fundament für das Zieldenken zu
schaffen und den/die Mitarbeiter in den Prozess von Zielsetzungen einzubeziehen (Japan
lässt grüssen!). Dies wird in Abbildung 3 verdeutlicht. Wie schon erwähnt,
"verordnet" das Management keine Zielsetzungen, sondern formuliert sie als
Vorgabe. Diese wird mit den Mitarbeitern verifiziert und abgestimmt. Bei diesem Prozess
entwickeln sich geeignete und erfolgsversprechende Massnahmen beinahe automatisch. Die
Wahrscheinlichkeit, dass die in dieser Umgebung festgelegten Ziele auch tatsächlich
erreicht werden, ist durch den Identifikationsprozess der Mitarbeiter ausserordentlich
hoch.
Für den Erfolg ist aber nicht nur der aufgezeigte Prozess massgeblich, sondern es
müssen auch die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden (die Liste erhebt
keinen Anspruch auf Vollständigkeit):
- (Sehr) flache Organisation (vertikale Fachkompetenzen)
- Eindeutige, klare Struktur der Kostenstellen (und Zuordnung)
- Delegation von Kompetenzen (nicht nur Verantwortung) an die Mitarbeiter
- Festlegung und Kommunikation mittel- und langfristiger Zielsetzungen,
die Bereichsleiter und Mitarbeiter gemeinsam erarbeiten und mindestens
alle 6 Monate aktualisieren
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Wenn die aufgeführten Faktoren erfüllt sind, kann sich eine Unternehmenskultur
entwickeln, in der Ziele nicht nur gesetzt, sondern mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit
erreicht werden. Auch dafür gibt es Beispiele.
Literatur
1 Friedrich, S. A., Hinterhuber, H.H. Restrukturierung auf dem
Prüfstand: Streben wir nach einer falschen Wettbewerbsfähigkeit?
io management, Heft 1/2, 1998
2 Buesen, J., Warum am Markt
vorbeientwickelt wird, Zielgruppen-Marketing für Investitionsgüter
io management Heft 5, 1997 |